Kuba am Scheideweg: Eine Insel kämpft um Licht und Leben
Kuba. Allein der Name klingt nach Sonne, Salsa und diesen wunderschönen, alten Autos, die man sonst nur aus Filmen kennt. Doch hinter dieser romantischen Fassade kämpft die Insel gerade einen Kampf, der hart und entbehrungsreich ist. Eine massive Energiekrise hat das Land fest im Griff, und der Auslöser ist, wie so oft, eine Mischung aus Politik und Geopolitik. Die verstärkten US-Sanktionen zielen direkt auf die ohnehin schon wackelige Ölversorgung der Insel ab. Man könnte fast sagen, sie drücken auf den 'Aus'-Knopf.
Was das für den Alltag bedeutet? Nun, stellen Sie sich vor, der öffentliche Nahverkehr, auf den Tausende angewiesen sind, bricht quasi vollständig zusammen. Busse, diese rollenden, oft überfüllten Lebensadern der Städte, stehen still. In Havanna waren im Jahr 2023 nur noch etwa 34% der Busse der staatlichen Transportgesellschaft einsatzfähig. Die Menschen, die zur Arbeit, zur Schule oder ins Krankenhaus müssen, haben kaum Alternativen. Sie gehen. Weite Strecken, oft kilometerlang, unter der gleißenden karibischen Sonne. Ich stelle mir vor, wie müde diese Menschen abends sein müssen, mit der zusätzlichen Sorge im Nacken, wie sie am nächsten Tag wieder ans Ziel kommen. Das ist kein malerischer Spaziergang, das ist pure Notwendigkeit. Einige berichten, sie müssten im Freien übernachten, weil die Wege zu weit sind und sie nicht zurückkönnen.
Die Auswirkungen sind weitreichend, wirklich erschreckend. Präsident Miguel Díaz-Canel warnt offen vor massiven Einschränkungen. Nicht nur im Transport, sondern auch in der Lebensmittelproduktion und der medizinischen Versorgung. Kuba deckt nur einen Bruchteil, etwa 40 Prozent, seines eigenen Energiebedarfs. Der Rest muss importiert werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Die wichtigsten Öllieferungen aus Venezuela und Mexiko, die lange Zeit ein Rettungsanker waren, sind drastisch zurückgegangen oder ganz eingestellt worden. Venezuela, einst der größte Öllieferant, hat seine Lieferungen nach US-Interventionen eingestellt. Auch Mexiko, das 2025 zum größten Lieferanten aufstieg, hat seine Lieferungen unter dem Druck der USA pausiert.
Diese Eskalation der US-Sanktionen, insbesondere die Drohung mit Zöllen auf Länder, die Kuba mit Öl versorgen, hat die Lage noch verschärft. Es ist, als würde man einem Boxer, der ohnehin schon am Boden liegt, auch noch die Luft zum Atmen abdrücken. Kuba hatte zwischen März 2024 und Februar 2025 bereits Verluste von 7,5 Milliarden US-Dollar durch die US-Blockade zu beklagen. Eine enorme Summe für ein kleines Land.
Viele Bewohner ziehen bereits Vergleiche. Und zwar mit dem sogenannten „Período especial“ der 1990er Jahre. Einem Zeitraum, den ich mir kaum vorstellen mag. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, die damals der wichtigste Handelspartner Kubas war, brach die Wirtschaft zusammen. Damals gab es tagelange Stromausfälle, massive Lebensmittelrationierungen, und Fahrräder oder Pferdekutschen ersetzten die Autos. Eine Zeit, in der das Überleben zum Alltag wurde. Die aktuelle Situation mit häufigen und langen Stromausfällen, die bis zu 14 Stunden dauern können, und leeren Regalen, die ein immer vertrauteres Bild werden, erinnert schmerzlich daran.
Die Energiekrise trifft jeden Bereich. Ohne Diesel können Lastwagen keine Erzeugnisse transportieren. Das bedeutet leere Supermarktregale, obwohl die Bauern vielleicht etwas anbauen konnten. Krankenhäuser? Die müssen Operationen verschieben, Patientenverlegungen anpassen. Selbst kritische medizinische Güter wie Schmerzmittel, Verbandsmaterial und Antibiotika sind oft nicht verfügbar. Wasserpumpen brauchen Strom, und wenn der Strom ausfällt, fällt auch das Wasser aus. Eine Kette von unglücklichen Ereignissen, die das tägliche Leben zur Herkulesaufgabe macht. Selbst internationale Flüge wurden wegen Treibstoffmangels eingeschränkt oder gestrichen.
Es ist nicht so, dass Kuba untätig bliebe. Präsident Díaz-Canel kündigte Notfallpläne an, die auf den Erfahrungen des „Período especial“ basieren. Dazu gehören Treibstoffrationierung für grundlegende Dienste wie Krankenhäuser und den Wassertransport, aber auch der verstärkte Einsatz von Elektro-Dreirädern für medizinisches Personal. Es gibt auch Bemühungen, die heimische Ölproduktion zu steigern und sogar Projekte zur Raffination von Rohöl zu Benzin und Diesel zu entwickeln. Außerdem setzt man auf erneuerbare Energien. China spendet Ausrüstung für Solarparks und hat zugesagt, beim Bau von 92 Solaranlagen zu helfen, die 2.000 Megawatt Solarstrom liefern sollen. Auch 5.000 Solarkits für abgelegene Haushalte wurden geliefert. Das Ziel: Bis 2030 sollen 29 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen, bis 2050 sogar 100 Prozent. Ein ambitioniertes Ziel angesichts der aktuellen Lage.
Und die US-Hilfsgelder, die angeboten wurden? Nun, die werden von kubanischer Seite oft mit Skepsis betrachtet. Die USA boten 6 Millionen US-Dollar an humanitärer Hilfe an, die über UN-Organisationen oder die Katholische Kirche verteilt werden sollen, um sicherzustellen, dass sie nicht von der Regierung abgezweigt wird. Aber die Situation bleibt für die Zivilbevölkerung extrem prekär. Es ist ein Ringen um Grundbedürfnisse, ein Kampf um jeden Liter Treibstoff, jede Mahlzeit, jedes bisschen Normalität. Man fragt sich, wie viel Widerstandsfähigkeit eine Gesellschaft noch aufbringen kann, wenn der Alltag zu einem ständigen Überlebenskampf wird. Die Menschen auf Kuba zeigen eine beeindruckende Fähigkeit zur Improvisation und zum Zusammenhalt. Aber selbst die größte „resolución“ hat ihre Grenzen.