Juan Pablo Duarte. In Santo Domingo an jeder Ecke
Wenn man, wie ich, eine halbe Ewigkeit unter der unbarmherzigen karibischen Sonne verbracht hat, um sich dann schlussendlich doch wieder in die tröstliche, graue Melancholie heimischer Gefilde zurückzuziehen, entwickelt man zwangsläufig einen gewissen, sagen wir mal, abgeklärten Blick auf die Heldenverehrung der Tropen. Man sitzt also hier, betrachtet den verlässlichen europäischen Nieselregen und erinnert sich mit einem leisen, zynischen Schmunzeln an Santo Domingo, diese herrlich laute, chaotische Metropole, in der man vor allem einem Mann schlichtweg nicht entkommen kann: Juan Pablo Duarte.
Es ist eine geradezu faszinierende, omnipräsente Heimsuchung. Versuchen Sie einmal, in der Dominikanischen Republik auch nur einen halben Tag zu verbringen, ohne über seinen Namen zu stolpern, es ist ein Ding der vollkommenen Unmöglichkeit. Er blickt einen als makellose Bronzestatue auf der nach ihm benannten Hauptverkehrsader mahnend an, während der Verkehr um ihn herum in einem apokalyptischen Hupkonzert kollabiert; er ziert mit ernstem Blick die Geldscheine, die man für einen gnadenlos überteuerten Importwein über den Tresen reicht; der höchste Berg der gesamten Karibik trägt seinen Namen, ebenso wie unzählige Parks, Schulen und neuerdings sogar eine U-Bahn-Station, an der man aussteigt, um das ewige Spektakel des karibischen Überlebenskampfes zu beobachten. Man hat diesen armen, tragischen Idealisten nach seinem Tod buchstäblich in jeden verfügbaren Marmorblock gemeißelt, was einer gewissen historischen Ironie nicht entbehrt, wenn man bedenkt, wie konsequent und freudlos man ihn zu Lebzeiten vor die Tür gesetzt hat.
Duarte, 1813 in eine wohlhabende Händlerfamilie hineingeboren, beging nämlich den klassischen Fehler eines behüteten Schöngeistes: Er reiste als junger Mann ins intellektuell unruhige Europa, atmete dort viel zu tief die gefährlich romantischen Ideen der Aufklärung und des Liberalismus ein und kehrte mit dem verwegenen Plan zurück, diese hehren Konzepte auf einer Insel zu etablieren, deren politische Realität eher von geschärften Macheten und blankem Opportunismus geprägt war. Er gründete "La Trinitaria", eine Geheimgesellschaft, deren Mitglieder romantische Eide schworen und die Revolution mit unbestreitbarem Charme hinter Theateraufführungen versteckten, eine zweifellos brillante, wenn auch politisch etwas naive Strategie in einem Land, das gerade hart besetzt war.
Natürlich half dieser hochgebildete, Gitarre spielende und fechtende Freigeist dabei, die fremden Besatzer 1843 zu vertreiben und das Land in die vermeintliche Unabhängigkeit zu führen, nur um dann auf schmerzhafte Weise festzustellen, dass Idealismus in der Karibik eine äußerst instabile Währung ist. Kaum war die Revolution gewonnen, traten die brutalen Pragmatiker auf den Plan, allen voran der raubeinige Großgrundbesitzer Pedro Santana, der für Poesie herzlich wenig übrig hatte, sich lieber auf das bewährte Konzept der physischen Gewalt verließ und den allzu populären Duarte umgehend zum Landesverräter erklärte. Der designierte "Vater des Vaterlandes" wurde kurzerhand aus ebendiesem Vaterland verbannt – eine zynische Pointe, die sich kein noch so begabter Dramatiker hätte schöner ausdenken können.
Als Duarte fast zwanzig Jahre später, nachdem der besagte Santana das Land in einem Anflug von geschäftstüchtiger Verzweiflung kurzerhand wieder an Spanien verramscht hatte, aus dem venezolanischen Dschungel auftauchte, um im nun tobenden Restaurationskrieg seine patriotischen Dienste anzubieten, war das nächste Desaster bereits vorprogrammiert. Die neuen, pragmatischen Rebellenführer brauchten keinen moralisch einwandfreien, gealterten Nationalheiligen, der ihnen mit seinen starren Prinzipien die lukrativen Geschäfte des Krieges verdarb. Sie lobten ihn pflichtschuldig in höchsten Tönen, gaben ihm eilig einen diplomatischen Posten und schickten ihn mit dem allerersten Schiff zurück nach Venezuela, damit er dort, schön weit weg vom eigentlichen politischen Geschehen, Spenden sammeln konnte. Ein Exil, verpackt als diplomatische Mission.
Und so endete der strahlende Befreier der Dominikanischen Republik in der Kälte des Exils in Caracas, wo er den Rest seines Lebens in bitterer Armut verbrachte und in einer winzigen Fabrik Dochte durch heißes Wachs zog, während in der Heimat diejenigen die Macht genossen, die deutlich weniger Skrupel besaßen. Wenn ich heute, wieder sicher in unseren geordneten Breitengraden angekommen, an all die aalglatten Politiker in Santo Domingo denke, die sich an Feiertagen im Altar de la Patria vor Duartes Grabmal in den Staub werfen und salbungsvolle Reden über seine reine Seele halten, bevor sie im klimatisierten SUV zum nächsten Korruptionsdeal eilen, kann ich nicht anders, als mein Glas zu erheben. Duarte war zweifellos ein großer Mann, aber er war für dieses wunderbare, verrückte und moralisch so herrlich flexible Land einfach viel zu anständig.