Hüftschwung gegen den Weltschmerz
In der Dominikanischen Republik ist Stille ein Gerücht. Es gibt sie schlichtweg nicht. Wenn Sie absolute Ruhe suchen, fliegen Sie nach Island oder setzen Sie sich in einen schallisolierten Keller. Hier ist Musik kein Hintergrundrauschen. Sie ist das Skelett der Gesellschaft. Ohne sie würde diese Insel vermutlich einfach im Karibischen Meer versinken. Es beginnt morgens beim ersten Kaffee. Es endet tief in der Nacht. Dazwischen liegt eine gewaltige Menge Rhythmus. Manchmal habe ich das Gefühl, selbst die Palmen wedeln hier im Viervierteltakt.
Nehmen wir den Merengue. Er ist der Duracell-Hase unter den Musikstilen. Seit 2016 steht er offiziell auf der Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO. Das klingt furchtbar trocken für etwas, das so dermaßen schwitzt. Merengue ist eine Umarmung in Höchstgeschwindigkeit. Die Instrumente erzählen die gesamte Geschichte der Insel. Da ist die Tambora, eine kleine, zweifellige Trommel. Sie steht für die afrikanischen Wurzeln. Die Güira, dieses metallische Schrap-Instrument, ist das Erbe der indigenen Taíno. Und das Akkordeon? Das haben tatsächlich deutsche Kaufleute im 19. Jahrhundert eingeschleppt. Ein verspätetes Dankeschön nach Hamburg an dieser Stelle. Es ist eine wunderbare Ironie der Geschichte. Europäische Melancholie trifft auf karibisches Feuer. Das Ergebnis ist ein Takt, der selbst den steifsten nordeuropäischen Buchhalter zum Wippen bringt. Ich habe es versucht. Meine Hüften leisteten kurz Widerstand. Dann gaben sie auf. Das Herz gewinnt hier immer gegen die Vernunft.
Dann gibt es die Bachata. Das ist der Blues der Karibik. Lange Zeit war sie das Aschenputtel der dominikanischen Kultur. In den 60er Jahren galt sie als vulgär. Man nannte sie abfällig 'Música de amargue'. Das bedeutet so viel wie Musik der Bitterkeit. Man spielte sie in den Bars der Armenviertel und in zwielichtigen Ecken. Es ging um Liebeskummer, billigen Rum und das harte Leben. Die Oberschicht rümpfte die Nase. Heute rümpft niemand mehr. Seit 2019 ist auch die Bachata UNESCO-Weltkulturerbe. Weltstars wie Romeo Santos oder Juan Luis Guerra haben diesen Sound in die größten Stadien der Welt getragen. Die Gitarre weint in der Bachata förmlich. Es ist eine süße, klebrige Melancholie. Man tanzt sie eng. Sehr eng. Es ist die Art von Nähe, bei der man die Steuererklärung des Partners riechen kann. Aber es fühlt sich verdammt richtig an.
Man kann diese Kultur nicht verstehen, ohne die Colmados zu besuchen. Ein Colmado ist offiziell ein Tante-Emma-Laden. Inoffiziell ist er das soziale Kraftwerk des Viertels. Hier gibt es eiskaltes Presidente-Bier und Boxen, die so groß sind wie Kleinwagen. Die Lautstärke ist eine Herausforderung für jedes Gehör. Aber sie ist notwendig. Man schreit sich Wahrheiten über das Leben zu. Man tanzt zwischen Reissäcken, Eierkartons und Waschmittel. Es ist vollkommen unprätentiös. Es ist ehrlich.
Es gibt hier keinen Moment ohne Takt. Sogar die Taxifahrer scheinen ihre Hupen im Rhythmus zu betätigen. Es ist eine kollektive Lebensbejahung. In Europa planen wir das Glück oft monatelang im Voraus. Wir buchen Kurse dafür. Hier passiert es einfach. Es passiert im Staub der Straße. Es passiert im grellen Licht der Neonröhren. Man muss sich darauf einlassen. Man muss akzeptieren, dass man den Takt vermutlich nie so perfekt treffen wird wie die Einheimischen. Das ist völlig egal. Die Dominikaner sind ein nachsichtiges Volk. Solange man sich bewegt, gehört man dazu. Musik ist hier kein Luxusgut. Sie ist ein Grundrecht. Sie hilft gegen die Hitze. Sie heilt den Schmerz. Wenn man nach einer Nacht voller Bachata und Merengue nach Hause stolpert, hat man Sand in den Schuhen und Rhythmus im Blut. Und man fragt sich ernsthaft, warum wir zu Hause eigentlich so viel reden, wenn man doch alles einfach tanzen könnte.